Die Auferweckung des Lazarus
ist wohl die letzte und größte Wundertat,
die dem scheinbar nur Gutes tuenden Jesus zugeschrieben wird.
Rembrandt inszeniert dazu ein Gruftinneres mit acht Figuren.
Im Fokus ist die Hand des autoritären Bestimmers Jesus, der vielleicht noch befiehlt: „Lazarus, komm heraus!“. Aber die Kraft der Hand hat eigentlich die erhebende Energie.
Diese grandiose Hand wirkt doppelt, denn einerseits scheint von ihr ein Strahl auszugehen, auf das erleuchtete Gesicht des angeblich bereits übel Riechenden. Und andererseits holt sie die Energie des kosmischen Gottes hernieder und bittet den Herrn um Beistand, der ja dann wohl gewährt wurde, nicht nur um den toten Freund noch mal in Bewegung zu bringen, sondern auch um den Gottessohn letztlich zu legitimieren, sich final als der Messias zu offenbaren und eben auch zu gelten.
Er ist die totale Vertikale. Hand und Arm und Ärmel, auch eine Wandkante zieht über den leuchtenden Kopf und den Gürtel in das lange Bein zum Fuß und treffen auf die Orthogonale des Grabes. Ein Winkel von Leben und Tod.
An der Wand hängen noch die Waffen des Lazarus, nun gerade frisch zur Ruhe gekommen.
Die Rembrandt-Bildgestaltung ist so grandios, weil wir als Betrachter dem Jesus zu Füssen liegen. Wir haben auch die Perspektive des in einem Grab liegenden Toten, und können vielleicht ebenfalls hoffen, durch Jesus direkt, oder durch sein späteres Opfer mittelbar irgend wann mal wieder auf zu er stehen …
Die neue Bildidee war dann: Wie sieht das Ganze aus aus den jetzt wieder eröffneten Augen des Lazarus?
Und dann: Wie sah das der zur Höchstleistung geforderte Jesus?
Nun hätte man alle weitere sechs Beteiligte durchspielen können und in deren Augen schlüpfen, deren Dasein auch kaum weniger wichtig war,
kann eventuell noch kommen …
aber die vierte Perspektive ist nun die von ganz oben.
(Ich hatte auch nur fünf gleiche Rahmen.)
Von Außen schaut der helle, der lichte Herr Gott auf das Ergebnis der gelenkten Geschichte in das düstere Loch hinein.
Eine Ameise nimmt es mit tausend Augen wahr und denkt vielleicht:
Wer klaut sich mein Essen?
Als notwendiges Pendant dazu kam noch die Perspektive der letztlich alles aufnehmenden Erde,
für manche die Hölle,
die den vor Kurzem reingelegten Leib kaum noch hergeben mag,
quasi die Sicht des Grabes, der Erde, Sicht der Fledermaus.
Also zeigen wir nun fünf Bilder gleicher Größe, gerahmt in historischen Rahmen, die wohl mal Teil eines Kreuzwegs waren, bis diese Hand voll mal auf dem Flohmarkt landete.
2000, 5 x Öl auf Leinwand, 80 x 60 x 7
In Mainz war das Quintett ausgestellt
2001 in der evangelischen Altmünsterkirche
2003 in der katholischen Hochschulgemeinde
und in der Produzentengalerie ART’N’ACT
In Bad Neuenahr-Ahrweiler Stadtteil Lohrsdorf in einer kleinen Kirche
Eine Sammlermappe dazu gab es in Auflage.
Bereits 1992 entstand das Bild „Dr. S“, welches die Szene karikativ in die heutige Zeit transformiert. Der Turnschuhdoktor lässt den Gestorbenen noch mal Zucken, in dem er das Signal gibt und der einstige Grabdeckelheber einen Hebel umlegt, um den Strom freizugeben.
Nach dieser Arbeit hatte ich den Rembrandt im Kopf und konnte das Bild im Schlaf.
„Dr. S“ ist aber nicht Dr. Schalenberg, sondern eigentlich Doktor Schauerlich (Frankenstein lässt grüßen).
Einen realen Hintergrund hat diese malerische Karikatur aber doch,
denn auch an mir hatte ein Dr. Schurig mal Experimente gemacht.
Diesen Bezug wußte zwar niemand. Mir hat es aber gut getan, in dieser überzogenen Art etwas loszuwerden, was es ähnlich eventuell doch gibt.
Und noch ein guter Effekt offenbarte sich 1992:
Mein Professor hatte absolut keinen Sinn für schlechte Witze in der ernsthaften hohen Kunst und lenkte mich zur Diplomarbeit eher in ein Landschaftsthema.
Es ergab sich dann in 1992 noch, dass die Malereiklasse meines Professors einen Ausflug unternahm in eine ganz neue Firma für Digital-Prozesse und Programmierung, nun weiß ich nicht mehr, ob in Frankfurt, oder Darmstadt.
Die hatten dort die neuesten Versionen des Photoshop-Programmes und führten der neugierigen Gruppe vor, wie man zeichnet und malt – rein digital.
Dann eilte die hungrige Studentengruppe in die Kantine …
und ich setzte mich an die für mich völlig neuen Malerei-Maschine
und wollte wissen, was die kann….
Nach einer Stunde hatte ich den Rembrandt gestaltet, ganz ohne Anschauung, rein aus dem Kopf, allerdings war das Essen vorüber.
Der Technik-Leiter war sehr beeindruckt, wie und was ich da erreicht hatte und sagte, er werde diese Datei mal abspeichern.
Ich bat ihn aber doch nach einem Ausdruck auf realem Papier und er druckte mir zwei oder drei aus.
Mindestens ein gutes Essen sollen sie mal wert sein.
Heute ist das kleine Digitalbild natürlich gar nichts Besonderes mehr, zu der Zeit für mich aber völlig neu und ich finde das Ergebnis deshalb bewahrenswert.
Jedenfalls hatte ich in dieser Stunde einiges gelernt.
Abb. folgt …
Ein plastisch-räumliches Holzobjekt von 2014 könnte noch in dieses Thema passen.
DEIN GRAB LEER, steht in Blattgold auf den Resten des Hahnheimer Angelbaums. Wer damit gemeint ist, das bleibt offen.
Das Ganze steht gerne zur weiteren Ausstellung bereit …
Sven Schalenberg, im Januar 2006, Hahnheim.






